INSTITUT FÜR RELIGIONSWISSENSCHAFT Museen als Orte religiöser und gesellschaftlicher Dynamiken im zeitgenössischen Japan

Das Forschungsprojekt untersucht die Rolle von Museen im heutigen Japan aus einer religionswissenschaftlichen Perspektive. Dazu analysiert es die vielfältigen Überschneidungen von Kunst, Religion und Gesellschaft im japanischen Museumswesen.  

Tokio Art Forum, Dezember 2024

Japan hat in den letzten Jahrzehnten einen beispiellosen Museumsboom erlebt – mit über 5.000 Museen, darunter mehr als 1.000 Kunst- und Kulturmuseen (Mizushima 2017, S. 120, vgl. auch Richard 2019). Diese Institutionen sind nicht nur Orte der Kunstbetrachtung, sondern prägen durch Architektur, Präsentationsweisen und begleitende Aktivitäten die Wahrnehmung von Kunst, Geschichte und Kultur Japans.

Im Zentrum des Projekts stehen Fragen nach den Motivationen und Zielsetzungen von Kuratoren und Kuratorinnen sowie Trägern und Trägerinnen, den Erwartungen des Publikums sowie den Präsentations- und Vermittlungsstrategien der Museen (vgl. Buggeln, Paine und Plate 2017, S. 18–22). Zudem wird untersucht, wie Museen als Orte der Selbstverortung und Identitätsbildung fungieren und welche Rolle sie für den nationalen und internationalen Tourismus spielen (vgl. Foxwell 2019).

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Wechselwirkung zwischen Museumspräsentation und Publikumserwartungen. Die Betrachtung der Museumslandschaft in Japan zeigt, dass Kunst nicht nur als ästhetische Erfahrung, sondern auch als Mittel der Selbstkultivierung und gesellschaftlichen Reflexion wahrgenommen wird (Kitazawa, Kuresawa und Mitsuda 2023, S. 45). Auch urbane Entwicklungen spielen eine Rolle: Museen sind zunehmend in groß angelegte Stadtplanungs- und Tourismusprojekte eingebunden und sollen als kulturelle Knotenpunkte fungieren.

Methodisch verbindet das Forschungsprojekt ethnografische Feldforschung mit der Analyse von Online-Auftritten der Museen, architektonischen Konzepten und kuratorischen Strategien. Dabei wird ein praxeologischer Ansatz verfolgt, der Museen nicht nur als Sammlungen von Exponaten, sondern als komplexe soziale und rituelle Räume begreift (Morgan 2017, S. 20).

Mit diesen Fragestellungen trägt das Projekt nicht nur zur Erforschung der japanischen Museumslandschaft bei, sondern liefert auch neue Erkenntnisse über die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst im globalen Kontext. Es ermöglicht zudem eine tiefere religionswissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Rolle von Museen als Orten der Sinnstiftung und kulturellen Identitätsbildung. Schließlich beleuchtet die Untersuchung Japans Stellung in der weltweiten Kunst- und Museumslandschaft und zeigt auf, wie das Land durch seine innovativen Museen internationale Diskurse über Kunst, Religion und Gesellschaft beeinflusst.

Literatur

Buggeln, Gretchen, Crispin Paine, and S. Brent Plate, eds. 2017. Religion in Museums. Global and Multidisciplinary Perspectives. London, New York: Bloomsbury Publishing Plc.

Foxwell, Chelsea. 2019. "Review. The Currency of 'Tradition' in Recent Exhibitions of Contemporary Japanese Art." Journal of Asian Humanities at Kyushu University 4 (3): 57–76. .

Kitazawa, Noriaki, Takemi Kuresawa, and Yuri Mitsuda, eds. 2023. History of Japanese Art after 1945. Institutions, Discourse, Practice. Translated by Tom Kain. Leuven: Leuven University Press.

Mizushima, Eiji. 2017. "Museums, Museology and Curators in Japan." Museologia e Patrimônio 10 (2): 117–33.

Morgan, David. 2017. "Material Analysis and the Study of Religion." In Materiality and the Study of Religion. The Stuff of the Sacred, edited by Tim Hutchings and Joanne McKenzie, 14–32. Abingdon, New York: Routledge.

Richard, Sophie. 2019. The Art Lover’s Guide to Japanese Museums. London: Modern Art Press.