INSTITUT FÜR RELIGIONSWISSENSCHAFT Digitale Bildkulturen und Normierung: Wie algorithmisch gesteuerte Bildwelten Körperideale formen

Dieses Forschungsprojekt untersucht, wie digitale Bildkulturen die Wahrnehmung und Normierung von Körperbildern beeinflussen. Soziale Medien, KI-gestützte Bildbearbeitung und algorithmisch gesteuerte Plattformen wie Instagram oder TikTok prägen Schönheitsideale, indem sie bestimmte Bildwelten verstärken und verbreiten. Diese Normierungsprozesse entstehen aus der Wechselwirkung zwischen Algorithmen und dem Verhalten von Nutzerinnen und Nutzern und formen Vorstellungen davon, welche Körper als ästhetisch, gesund oder begehrenswert gelten (Fox und Vendemia 2016; Wosk 2024).

Normbildung durch digitale Bildkulturen

Plattformen nutzen algorithmische Auswahlmechanismen, um bestimmte Bilder häufiger sichtbar zu machen. Diese Prozesse sind nicht zufällig: sie beruhen auf mathematischen Modellen, die sich an Engagement-Raten orientieren und dadurch bestimmte Ästhetiken immer wieder in den Vordergrund rücken. Nutzerinnen und Nutzer übernehmen diese dominanten Bildcodes, was zur Verstärkung und Reproduktion von Körpernormen führt (Fox und Vendemia 2016).

Ein zentrales Beispiel sind digitale Influencerinnen und Influencer wie Lil Miquela oder Shudu Gram – computergenerierte Persönlichkeiten, die Schönheitsideale verkörpern, ohne physisch zu existieren. Ihre Popularität zeigt, dass Schönheitsnormen zunehmend von digitalen Technologien geformt und verstärkt werden (Wosk 2024).

Ellen Atlanta (2023) beschreibt in Pixel Flesh: How Toxic Beauty Culture Harms Women, wie digitale Schönheitsnormen durch fortlaufende Wiederholung und visuelle Inszenierung tief in das Selbstbild von Frauen und Männern eingebrannt werden. Sie vergleicht die Bedeutung von Schönheitspflege mit rituellen Handlungen, die eine soziale Zugehörigkeit herstellen. In diesem Projekt wird Atlantas Ansatz aufgenommen, um zu untersuchen, wie durch digitale Bildkulturen ästhetische und geschlechtliche Normierungen in sozialen Räumen etabliert und stabilisiert werden.

Religionsanaloge Formationen und Sensational Forms als Analyseinstrumente

Dieses Projekt untersucht die Normierungsprozesse digitaler Bildwelten mithilfe der Theorie der Religionsanalogen Formationen (vgl.: https://www.irw.uni-heidelberg.de/de/forschung/religionsanaloge-formati…). Dieser Ansatz betrachtet nicht die Algorithmen selbst als übergeordnete Instanz, sondern analysiert, wie ihre Wirkung auf gesellschaftliche Normen strukturiert ist.

Ein besonders aufschlussreiches Konzept in diesem Zusammenhang ist das der Sensational Forms, entwickelt von Birgit Meyer (2008, 2009). Sensational Forms beschreiben wiedererkennbare, körperlich und emotional wirksame Ausdrucksformen, die ein vorgestelltes Transzendentes zugänglich machen sollen. Übertragen auf den Kontext digitaler Bildkulturen, stabilisieren sie Normen, indem sie immer wieder in bestimmten medialen, kulturellen oder sozialen Kontexten auftreten.

Angewendet auf digitale Bildkulturen bedeutet das:

  • Ästhetische Wiederholung: Durch konstante Reproduktion ähnlicher Körperdarstellungen werden bestimmte Schönheitsideale als „natürlich“ wahrgenommen.
  • Körperliche Resonanz: Nutzerinnen und Nutzer empfinden die normierten Bilder als attraktiv oder wünschenswert und orientieren sich daran – oft auch auf emotionaler Ebene.
  • Mediale Rahmung: Durch Plattformlogiken werden die gleichen Ästhetiken in neuen Kontexten immer wieder aufgegriffen, was zur weiteren Verstärkung der Norm beiträgt.

Methodik und Zielsetzung

Das Projekt kombiniert Medienanalyse, digitale Ethnografie und Diskursanalyse, um zu untersuchen, wie algorithmisch gesteuerte Bildkulturen digitale Normierungsprozesse formen. Besonders im Fokus steht die Frage, wie die Verflechtung algorithmischer Systeme und des Verhaltens von Nutzerinnen und Nutzern gemeinsam zur Stabilisierung bestimmter Körperideale beitragen.

Durch die Verbindung der Theorie der Religionsanalogen Formationen mit dem Konzept der Sensational Forms leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zur Debatte über digitale Normbildungsprozesse und die Rolle von Technologien in der Gestaltung sozialer Wirklichkeiten (Barba-Kay 2023). Darüber hinaus werden geschlechterpolitische Perspektiven in die Analyse einbezogen, insbesondere mit Blick auf die mediale Konstruktion von Weiblichkeit und deren Einfluss auf gesellschaftliche Normen (Jung 2023).

Literatur

Atlanta, Ellen. 2023. Pixel Flesh: How Toxic Beauty Culture Harms Women. New York: HarperCollins.

Barba-Kay, Antón. 2023. A Web of Our Own Making. The Nature of Digital Formation. Cambridge et al.: Cambridge University Press..

Fox, Jesse, and Megan A. Vendemia. 2016. “Selective Self-Presentation and Social Comparison Through Photographs on Social Networking Sites.” Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking 19 (10): 593–600. .

Jung, Hawon. 2023. Flowers of Fire. The Inside Story of South Korea’s Feminist Movement and What It Means for Women’s Rights Worldwide. Dallas: BenBella Books.

Meyer, Birgit. 2008. „Religious Sensations. Why Media, Aesthetics, and Power Matter in the Study of Contemporary Religion“. In Religion. Beyond a Concept, herausgegeben von Hent de Vries, 704–23. New York: Fordham University Press.

Meyer, Birgit. 2009. Aesthetic Formations: Media, Religion, and the Senses. New York: Palgrave Macmillan.

Wosk, Julie. 2024. Artificial Women: Reproductive Fantasies in the Age of Mechanical Reproduction. New Brunswick: Rutgers University Press.